Die 'Soziale Dorfidee': Süßer Traum oder wirklichkeitsnahes Vorhaben? (update)

Eingereicht von Detlef Müller am 25. Jan 2012 - 13:55 Uhr

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Ein Kommentar vom "Geburtshelfer" der Idee zur Grundsatzfrage für andere "'Soziales Dorf': nur Wunschdenken oder echte Chance?" - Antworten hinter einem Fragezeichen, das für Außenstehende stets präsent ist. 

Nicht nur einmal wurde die Idee vom ökosozialen Landprojekt als verträumte süße Illusion abgetan. Reaktionen dieser Art kommen zwar nicht oft vor, sind aber auch keine exotischen Einzelfälle. Andere wiederum begrüßen diesen Vorstoß für eine "etwas bessere Welt in Deutschland" ausdrücklich.
Man trifft bei anderen auf persönliche Meinungen der 'Neuen Soziale Idee', wie sie unterschiedlicher kaum sein können.

Und handelt es sich nun beim 'Dorf' nur um einen netten Traum oder um eine zukunftsweisende Idee? - Wissenswertes für die eigene Meinungsbildung von mir (Detlef Müller [1]) als Ideengeber. Was steckt dahinter, wieviel Traum und wieviel wirklichkeitsnahe Vorstellung, und wie reagieren wir als Engagierte auf die Ablehnung und realitätsgeprägte Zurückhaltung?


[2] [3]Ansichten zu den Chancen auf Verwirklichung - Spiegelbild von Wünschen und Realitäten

Wenn man sich mit Außenstehenden über die Idee des Sozialen Dorfes [4] unterhält, stösst man immer wieder auf Erstreaktionen der folgenden Art:

Zum einen erlebt man Etwas spontan sehr bejahendes, zustimmendes, als wollte die- bzw. derjenige sagen. "Meine Güte, ihr habt ja Recht. Das ist es!" So, als würdest du von ihrem / seinem eigenen Traum sprechen ...
Besonders deutlich wurde das bei einer Mindener Sozialarbeiterin. "Detlef [5], was glaubst du eigentlich..?" sagte sie auf vorsichtiges Nachfragen erstaunt. "Die Hälfte aller Sozialarbeit-Studenten wünscht sich eine Arbeitsstelle bei so einem sozialen Wohnprojekt auf dem Land!"

Zum anderen folgt häufig ein sehr bestimmt geäußerter Pessimismus, der jede Zustimmung sofort wieder erstarren lässt. "Ein hübscher süßer Traum, aber Träume sind eben Träume. Die Lebenswirklichkeit sieht ganz anders aus."
Die zielsichere Schlußfolgerung dieser Menschen, oft nicht offen aussprochen, aber an der Reaktion zweifelsfrei erkennbar: "Das Soziale Dorf ist eine schöne, erstrebenswerte Vorstellung. Aber geben wird's das ganz sicher nicht."


[6] [7] Pessimistische Einschätzung aus Alltagserfahrungen

Dieser Pessimismus ist mit Blick auf Jahrzehnte Massenarbeitslosigkeit, Armut und Abbau sozialer Leistungen ohne Zweifel alles andere als unbegründet und mehr als angemessen.
Grundsätzliche Zweifel an der Umsetzung der Landprojektidee [8] sind daher sehr realistisch und keinesfalls aus der Luft gegriffen.

Aber: Man muß ihnen ja nicht folgen! Denn Pessimismus gegenüber einem Vorhaben ist genauso wie das Träumen davon nur ein Blick in die Zukunft ohne Gewissheit. Weder der Pessimist noch der Träumer können die Geschehnisse und Entwicklungen vorhersagen.

Drei Beispiele, wie hoffnungslose Situationen erfreuliche Wendungen nehmen können: Nach Jahrzehnten vergeblicher Bemühungen .. hat man im Frühling 1989 die Wiedervereinigung [9] Deutschlands vorhersehen können oder in jüngerer Zeit die spanischen Bürgerproteste [10], die als Demokratie-Bewegung eine positive Bürgeraktivitäten in ganz Europa initiiert haben?
Wußten etwa Atomkraftgegner noch im März 2011, dem  Monat der Fukushima-Katastrophe in Japan, daß Ende Juni der bundesdeutsche Atomausstieg [11] beschlossene Sache ist?


[12] [13] Die Initiativenaufgabe, gesellschaftlich gesehen

Die geschilderten Reaktionen auf die Dorfidee [14] weisen meiner Ansicht nach auch auf die gesellschaftlichen Kernaufgabe hin, der wir uns als Initiative stellen müssen. Klarmachen, das Träume keine Illusionen sein müssen und zeigen, wie aus einer Vorstellung ein realistisches Landprojekt für soziale benachteiligte Menschen und  gesellschaftlich Wertvolles werden kann.
Wir als Initiative haben also vor allem die Aufgabe, ein Bild vom beabsichtigten Sozialen Dorf in Minden-Lübbecke zu zeichnen, um jedem Interessierten im Detail zeigen zu können, was wir vorhaben. Und wir müssen den Weg dorthin erarbeiten und bei Bedarf allgemeinverständlich erklären können.


[15] [16] Soziales Dorf: "Wunschtraum oder wirklichkeitsnah?"

Was wurde nun bzw. wird konkret unternommen, um den Traum(ata)-Status einer durchaus möglichen Nichtumsetzung des Sozialen Dorfes zu überwinden?

Eben wegen des sehr visionären Charakters sind schon früh Anstrengungen unternommen worden, an einem soliden Ideenfundament zu bauen und die vertrauenswürdigen, realitätsnahen Eigenschaften der Vision in den Projettexten wiedererkennbar herauszustellen. Das "Ver-wirklichen" der Vorstellungen ist zur kontinuierlichen Daueraufgabe geworden.

So wurden Grundsätze für Projekt und Initiative entwickelt und später dann niedergeschrieben. Diese sind für die Initiativenmitglieder verbindlich. Nach dem Muster des Agenda-Prozesses wurde diese Vereinbarungen Leitbild [17] genannt. Sie können von Außenstehenden jederzeit online nachgelesen werden.

In der Konzeptentwicklung wurde viel Wert darauf gelegt, für die Ausgestaltung des Dorfes Erfahrungswissen (von Betroffenen, Initiativen) ebenso wie Erkenntnisse aus relevanten Studien und Forschungsberichten heranzuziehen.
Das gilt besonders für den Bereich Gesundheit, Gesundheitsvorsorge und die Anwendung der komplementären Medizin. Hier ist ein Höchstmaß an Sorgfalt erforderlich: Die Gesundheit ist im späteren 'Dorf' das allerwichtigste Gut.

Seit Beginn der Konzeptentwicklung wurde der Bewegungscharakter konsequent im Dorfkonzept verankert. In der Folge sind viele etablierte Lösungsansätze aus den Neuen Sozialen Bewegungen [18] in die Dorfidee eingeflossen. Diese Details beginnen im großen Bereich der Ökologie und hören bei der Entschleunigung auf.
Die Grund: "Die Dorfidee ist aus der Not der Menschen und dem Geist der Sozialen Bewegungen heraus entstanden. Dieser Ursprung muß zwingend in den späteren Planungen für den neuen sozialen Lebensraum unverändert wiederzuerkennen sein."

Auch die geplante Offenheit [19] (grundsätzlich, nicht allgemein und zu jeder Zeit) des Sozialen Dorfes - besonders für soziale Engagierte, Initiativen und Unterstützerinnen, rückt das Vorhaben ein Stück in Richtung Wirklichkeit. Denn ein reizvolles ökosoziales Landprojekt mit eigener Landherberge, das man besuchen und wo man übernachten kann, wird sicher bei manch einem die Motivation fördern, dieses auch zu unterstützen.


[20] [21]Echte Lösungen erarbeiten: Rotstifte, die nicht rot sind

Aus dem allgemeinen Wunsch, sozial betroffenen Menschen zu helfen, entwickelte sich die Projektausrichtung Gesundheit. und Gesundheitsvorsorge. Damit bekam die Landidee zunächst eine klar erkennbare gesellschaftliche Aufgabe.

Angesichts des wirtschaftlich gesprägten Zeitgeistes war eine wichtige Beobachtung, daß selbst sehr sinnvolle Zukunftsprojekte oft genug keine Entstehungs- bzw. Überlebenschance haben.
Mein Fazit daraus: Das Konzept mußte Problemlösungscharakter bekommen und ganz wichtig (!), dem Gemeinwesen einen nachvollziehbaren wirtschaftlichen Mehrwert bieten. Beides wurde in der Herangehensweise seitdem beachtet. .. mehr im nächsten Absatz [22]

Intensives Engagement [23] in der Innenstadtentwicklung meines Wohnortes hatten den Blick für das verwandte Fachgebiet 'Entwicklung ländlicher Raum' geöffnet. Mit diesem Verständnis wurden Entwicklungsprobleme ländlicher Regionen wie Ärztemangel, Nahversorgung, zu geringes oder unattraktives Arbeitsplatzangebot, Weiterbildung und andere als Aufgaben für das ökosoziale "Dorfvorhaben" berücksichtigt.  


[24] [25] Der Zeit (nur) ein wenig voraus:
Disziplinübergreifende Projektentwicklung

Schon in der Anfangszeit der Landprojektvision wurde klar, daß es von entscheidender Bedeutung ist, über den Tellerrand der Einzelprobleme Langzeitarbeitslosigkeit und Armut zu schauen. Um zu einer echten Lösung kommen zu können, war Denken über die Grenzen der einzelne Handlungsfelder hinweg notwendig. Man nennt das bereichs- bzw. disziplinübergreifend oder interdisziplinär.
So hat dann auch erst die konsequente bereichsübergreifende Herangehensweise 'Arbeitslosigkeit, Armut - Krankheit ---> hohe Kosten im Gesundheitswesen' (vereinfachte Darstellung) den Weg zu einem ökonomisch nachhaltigen, wirklichen Lösungsansatz eröffnet.

Der entstandene Ansatz 'gemeinschaftliches, ökosozial-kulturelles Lebensraum- und Gesundheitsprojekt auf dem Land für benachteiligte Menschen' eröffnet die Möglichkeit echter sozialer, genauso wie ökonomischer Nachhaltigkeit. Konkret bedeutet es auch: Als soziale Investition, die sich gesellschaftlich rechnet [26], kommt diese Lösung ohne Einschränkungsideen gegenüber sozial-kulturellem Aufwand oder Lebenshilfen für betroffene spätere BewohnerInnen aus!

Die frühe Orientierung in Richtung Social Investment und Einbeziehen des gesellschaftlichen Mehrwerts, der Sozialrendite [27], geschah aus guten Gründen. Es sollte der Grundstein für ein wirtschaftlich tragfähiges Gemeinwesenprojekt gelegt und der Weg in Richtung dauerhaftes Bestehen des späteren 'Sozialen Dorf' freigemacht werden.


[28] [29] Die 'Bessere Welt'-Engagierten und #Occupy Wallstreet [30] verändern weltweit das Denken

Auch relevante gesellschaftliche Veränderungen haben Auswirkung auf die Traum oder nicht-Frage. In den letzten fünf Jahren hat es in der Tat erhebliche Mentalitätsverschiebungen in Beurteilung von arbeitslosen Menschen gegeben. Vor Jahren noch eher als Drückeberger angesehen, werden Mitbürger ohne Job mehr und mehr als Leidtragende betrachtet.
"Ein Gemeinschaftsprojekt hat eben keine Chance, solange die Mehrheit steif und fest an das Märchen von der sozialen Hängematte glaubt." An dem Punkt hat sich ganz erheblich was verändert!

Dazu kommen zwei Bewegungen, von denen eine bis vor Kurzem weltweit fast täglich in den Schlagzeilen der Zeitung zu finden war.
Die #Occupy Wallstreet [31]-Proteste sind zwar mit dem Winter deutlich abgeflacht, sie haben aber dem medialen Umgang mit dem Bankenproblem sichtlich gut getan. Inzwischen wird offener und kritischer über das ursächliche Systemproblem einer völlig entgleisten Marktwirtschaft geschrieben.

Im tatsächlichen Leben hat die Vorstellung von einer besseren Welt, ein Vorstellung, die in den letzten Jahren immer mehr den Makel der Illusion verloren hat. Vor der Jahrtausendwende noch als unrealistische Spinner abgetan, sagen heute immer mehr Menschen, daß die sie eine bessere Welt wollen und treten aktiv engagiert [32] dafür ein.
Diese Bewegung für eine bessere Welt ist keine große Bewegung, aber eine bemerkenswerte mit einer ungewöhnlich positiven Ausstrahlung.


[33]Die occupyer wie auch die bessere Welt-Aktiven haben Deutschland in den letzten Jahren verändert. Beide haben den Wandel zu einem lebenswerten Land für alle ein Stückchen wahrscheinlicher werden lassen.
Positiver Effekt: Auch diese äußeren Veränderungen jenseits unseres eigenen "Dorfengagements" helfen mit, die Neue Soziale Idee [34] Tag für Tag ein kleinwenig mehr aus der Traum(ata)-Welt herauszulösen - danke. icon_smile


[35] Möglich ist alles

Wo bei uns in der Initiative die Grenzen der Überzeugungsarbeit erreicht sind, könnten in dieser sehr bewegten Zeit durchaus die tagesaktuellen Proteste entscheidende Impulse mit sich bringen.

Weshalb auch nicht ..? Das krankmachende Leben nach Einführung von Hartz IV hat bei mir die Vision des 'Sozialen Dorfes im Mühlenkreis' entstehen lassen. Vielleicht werden es ja die #occupy-Ausläufer sein, die in nicht ferner Zeit den ersten Stein bewegen - zum Baubeginn wohlgemerkt, nicht bei Straßenschlachten.
Möglich ist alles.

"Keine Armee kann eine
Idee aufhalten, deren Zeit
gekommen ist." - Viktor Hugo

Autor: Detlef Müller [36] (Initiative 'Soziales Dorf')


Anmerkungen:
(1) Ich habe mich bemüht, diesen Beitrag so wahrheitsgetreu und angemessen wie möglich zu schreiben, ohne zu übertreiben oder zu unserem Nachteil Wesentliches wegzulassen.
Das war mir wichtig, denn schließlich wird der eine oder andere nach dieser Darstellung entscheiden, ob er dem beabsichtigten 'Sozialen Dorf' im norddeutschen Raum Vertrauen schenkt oder nicht.

(2) Dieser Kommentar wird ggf. aktualisiert, wenn Wissenswertes zu dem "ultimativen Fragezeichen" von mir übersehen wurde - nobody is perfect.
Die Bemühungen um Schaffung von glaubhafter Vertrauenswürdigkeit der Grossprojektidee sind seit Jahren ein umfassender Vorgang mit vielen Einzelüberlegungen.

Daraus das Wesentliche für einen noch lesbaren online-Beitrag herauszufiltern, war verdammt nicht einfach!

(3) April 2012 - Inzwischen ist ein grundsätzlicher Schritt nach vorn gemacht worden. Bundesagentur für Arbeit und die gesetzlichen Krankenkassen haben eine bundesweite Gemeinschaftsinitiative für Prävention mit Erwerbslosen vereinbart. - Pressemeldung [37]


(update1 26. Januar 2012) Absatz 'Disziplinübergreifende Projektentwicklung' und Unterabsatz 'Erfahrungenwissen, Studien' hinzugefügt, einige Formulierungen geändert.

Anmerkungen:
Wie verträumt oder wirklichkeitsnah ist die Landprojekidee?
FOTO(S) / Screenshot:
Bernd Bast [38] | Günther Dotzler [39] | Günter Hommes [40] | Detlef Müller [41] (sd) | Rainer Sturm [42] | s.media / pixelio.de [43] | David Shankbone (Wikimedia Commons) [44]
Btw, das Beitragsbild (oben links) wurde vom Fotografen mit dem Titel 'Traumtänzer' überschrieben. icon_smile

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  9. http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Wiedervereinigung
  10. http://bit.ly/jW6Nko
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  12. http://www.hartz4-im-netz.de/PagEd-index-page_id-229.html
  13. http://www.soziales-dorf.eu//module-news-display-sid-411.html#initiativenaufgabe
  14. http://www.soziales-dorf.eu//module-seiten-display-pageid-1.html
  15. http://www.soziales-dorf.eu//module-content-view-pid-11.html
  16. http://www.soziales-dorf.eu//module-news-display-sid-411.html#traum-oder-chance
  17. http://www.soziales-dorf.eu//module-content-view-pid-11.html
  18. http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Soziale_Bewegungen
  19. http://www.soziales-dorf.eu//module-faq-display-faqid-362.html
  20. http://www.soziales-dorf.eu//module-news-display-sid-411.html#echte-loesungen
  21. http://www.soziales-dorf.eu//module-faq-display-faqid-33.html
  22. http://www.soziales-dorf.eu//module-news-display-sid-411.html#interdisziplinaer
  23. http://www.soziales-dorf.eu//module-faq-display-faqid-26.html
  24. http://www.soziales-dorf.eu//module-faq-view-prop-Main-cat-10039.html#faq490
  25. http://www.soziales-dorf.eu//module-news-display-sid-411.html#interdisziplinaer
  26. http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/0,2828,667902,00.html
  27. http://de.wikipedia.org/wiki/Social_Return_on_Investment
  28. http://blog.soziales-dorf.eu/module-news-view-prop-Bewegendes-cat-10117.html
  29. http://www.soziales-dorf.eu//module-news-display-sid-411.html#occupy-bessere-welt
  30. http://de.wikipedia.org/wiki/Occupy_Wall_Street
  31. http://de.wikipedia.org/wiki/Occupy_Wall_Street
  32. http://www.fuereinebesserewelt.info/
  33. http://www.fuereinebesserewelt.info/
  34. http://www.mt-online.de/lokales/minden/4966497_Eine_neue_soziale_Idee.html
  35. http://www.soziales-dorf.eu//module-news-display-sid-411.html#moeglich
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